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Christian Feja
Müssen wir uns mit dem Gedanken anfreunden, dass die Digitalisierung auch in die Beratung Einzug halten sollte? – Ja, wir müssen das. Aber wir müssen das wahrscheinlich nicht so, wie es viele befürchten. Wir müssen sicherlich nicht alle Beratungsangebote in eine internettaugliche Form bringen. Wie werden in Zukunft auch sicherlich nicht stundenlang in irgendwelchen Chats hängen und beraten, aber wir müssen uns überlegen, wie Schüler und Eltern besser mit uns über das Internet Kontakt aufnehmen können, denn wir haben es zunehmend mit der Generation der „Digital Natives“ zu tun, also mit Menschen, die eine Zeit ohne Internet gar nicht mehr kennen. Das sind alle unsere Schüler und immer mehr die Eltern, die in unsere Beratungen kommen.
Und was ist das Besondere an dieser Generation? Sie ist sind analog schüchtern. Beispiel gefällig? Geben Sie doch einmal einem Ihrer Schüler den Auftrag, bei einer Buchhandlung anzurufen, um nachzufragen, ob eine bestimmtes Buch vorrätig ist. Ihnen wird, besonders wenn Sie von Pubertieren umgeben sind, Entsetzen entgegenschlagen. Wie kommen Sie nur auf eine solche Idee! Anrufen! Jemanden direkt anreden, den man nicht kennt. Dann auch noch auf das, was er sagt, direkt reagieren! Wie peinlich! Ätzende usw. Was ich mit diesem Beispiel sagen will? Unsere Klientel ist es gewohnt, Nachrichten zu schreiben, als Mails, als SMS, als WhastApp-Nachrichten. Aber der direkte Kontakt? Das ist nicht ihr normaler Weg. Und wenn wir das wissen, dann müssen wir reagieren. Und das heißt, dass wir digitale Brücken zu ihnen bauen müssen, damit sie auf diesen zu uns kommen. Professionalisierung heißt hier Digitalisierung.
Mein Traum wäre eine einheitliche Plattform für ganz Bayern, bei der der Benutzer anklicken kann, welche Hilfe er benötigt und wo er sie braucht. Und dann wird er digital an die zuständige Stelle weitergeführt. Und dort bekommt er die Hilfe, die er braucht, in der medialen Form, die angemessen ist oder die er wünscht.
Ich befürchte nur, dass es damit nichts wird, weil wir dann schon weit im Vorfeld die Diskussion darüber führen müssten, wer wofür zuständig ist oder wen man in dieses System aufnimmt. Ist bei Schulleistungsproblemen der Beratungslehrer zuständig oder der Schulpsychologe? Wer hilft bei Verhaltensauffälligkeit? Darf ich da den JaS anführen, obwohl er ja gar nicht dem Kultusministerium untergeordnet ist? Ist er mehr zuständig als der Sozialarbeiter der Kommune oder der Schulsozialpädagoge oder dann wieder der Beratungslehrer? Man sieht, dass man, wenn man nur ein bisschen in die Richtung der Zuständigkeiten denkt, ein großes Fass aufmacht. Diese Zuständigkeiten zu klären, ist aber die wichtigste Voraussetzung für eine benutzerfreundliches digitales und weitgehend einheitliches Hilfesystem.
Wir müssen diese Diskussion auch deshalb führen, weil unser Beratungssystem inzwischen selbst für Insider nicht mehr durchschaubar ist. An sich müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie das System Schulberatung aufgebaut sein soll, dass jeder, der in diesem System arbeitet, weiß, was er zu tun hat und wo seine Grenzen sind. Wir brauchen Struktur statt Wildwuchs, damit wir professionell arbeiten können und unsere Zeit nicht in Abgrenzungs- und Missgunstdebatten vergeuden. Und wenn uns die Struktur klar ist, wird es auch kein Problem, sie sie angemessen an die Digital Natives zu vermitteln. Da klickt man kurz auf „Schulleistungsprobleme“ und gibt bei der Adresse „92222“ ein; und wo landet man dann? Beim Beratungslehrer.