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Christian Feja
Dass es einen Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Schulleistung geben muss, müsste sich eigentlich jedem von uns erschließen, der in der Ausbildung ein bisschen genauer hingeschaut hat. Da kam nämlich unter der Überschrift „Motivation“ ein Herr namens D.E. Berlyne vor, der eine Theorie der Neugiermotivation entwickelt (Ja, meine Kollegen mit dem psychologischen Hintergrund: Theorie, keine Studie!). Das Wesentliche der Theorie lässt sich folgendermaßen auf den Punkt bringen: Ein Orga¬nismus ist ständigen Einflüssen der Umwelt ausgesetzt. Er ist darum bemüht, das kör¬pereigene Gleichgewicht zu erhalten. Trifft nun ein Reiz auf den Organismus, der zu den Schemata passt, die der Organismus bereits kennt, löst das keine Reaktion aus, weil das Gleichgewicht nicht gestört ist; trifft er auf einen Organismus, in dem das Schema nicht angelegt ist oder in dem es nur Schemata gibt, die zu wenige Gemeinsamkeiten mit der neuen Information haben, blockt der Organismus die Rezeption ab und erhält damit das Gleichgewicht. In unserem Fall heißt das: Der Schüler entwickelt eine Fremdheitserfah¬rung und will von dem Neuen nichts wissen.
Eine positive Spannung entsteht jedoch, wenn der Reiz sowohl genügend bekannte als auch genügend unbekannte Informationen enthält. So entsteht Neugiermotivation, weil der Organismus diese entstandene Spannung dadurch ausgleichen will, dass er, mit anderen Information kombiniert, die neue Information in das bestehende System integriert.
Dass an diesem Modell etwas dran sein könnte, zeigten die Ergebnisse der PISA-Studie, in der der Zusammenhang zwischen der sozialen Herkunft und Schulabschluss deutlich wird. Bildungslobbyisten erklärten landauf und landab, dass das mit der Struktur des Bildungssystems zusammenhänge und diese einer großen Reform bedürfe. Da mögen sie sicherlich auch Recht haben.
Berlyne würde den Zusammenhang jedoch wohl damit erklären, dass ein Kind aus ei¬ner bildungsorientierten Familie von Vornherein mehr Wissen und damit Anknüpfungs¬punkte für neue Informationen hat als ein Schüler einer bildungsfernen Familie und folglich weniger Fremdheitserfahrungen hat und folglich mehr Neugier entwickelt. Beispiel: Für ein Kind aus einer Familie, in der viel gelesen wird, ist die Lektüre eines Jugendbuches keine Fremdheitserfahrung; für ein Kind aus einer Familie, in der alle Information aus dem Fernseher bezogen wird, ist es das schon.
Vielleicht sollten wir daher in der Beratung und im Unterricht noch mehr darauf achten, wie wir bei den Kindern und Jugendlichen Vorwissen aufbauen und sichern können. Gerade bei Kindern aus bildungsfernen Familien muss dies im Zentrum unserer Arbeit stehen. Besonders wäre hier jedoch auch das Kultusministerium in der Pflicht, neue Wege zu beschreiten, bei denen der Lernerfolg aller im Zentrum steht. Das heißt: Mehr Zeit zum Wiederholen und Üben, kleiner Klassen zur aktuellen individuellen Förderung …